Richtig Loben. Warum Lob am falschen Platz das Kind verunsichert

Richtig Loben. Warum Lob am falschen Platz das Kind verunsichert

Richtig Loben. Warum Lob am falschen Platz das Kind verunsichert

Das Kind kommt aus dem Kindergarten, sie warten bereits: „Mama, schau mal ich habe ein Bild für dich gemalt.“ Eine Reaktion die ich oft höre ist dann: „Wow, so ein tolles Bild. Das ist das schönste und tollste Haus das ich je gesehen habe. Du bist ein echter Künstler. Wahnsinn!“

Foto von cottonbro von Pexels

Das Kind wird, wenn es diese Situation zum ersten Mal erfährt ganz schön verdutzt schauen. Mit einer solchen Reaktion hatte es nicht gerechnet: „Was? Ich der Beste? Das schönste Bild? -heißt dies wiederum wenn ich noch einmal ein Bild male muss es noch besser werden? Heißt das ich kann am allerbesten malen, von allen Kindern?“ Vielleicht wollte das Kind damit einfach sagen: „Mama ich habe dich vermisst, schön dass wir wieder zusammen sein können.“ oder „Mama, ich hab dich lieb“. Eine EHRLICHE Reaktion darauf wäre, wenn sie sich denn freuen, das ist aber lieb von dir, vielen Dank darüber freue ich mich.“ Zeigen sie ehrliches Interesse und wenn sie nicht wissen warum oder was ihr Kind gemalt hat, dann tun sie was sie sonst machen wenn sie etwas nicht wissen: googeln? Nein! Fragen sie nach. Fragen sie ihr Kind warum hast du mir denn dieses (schöne – finden sie das? dann sagen sie es, wenn nicht dann lassen sie es weg) Bild gemalt? Was ist auf dem Bild, ich kann es nicht erkennen?

Was? Mama kann nicht erkennen was ich gemalt habe? Wie schrecklich würden wir Erwachsenen denken, ich habe mir doch so viel Mühe gegeben. Eben nicht! Das ist unser Verständnis einer von Lob abhängig gemachten Erziehung, einer Interpretation von Eigenschaften, die so nicht vorhanden sind beim Kind. Ich verspreche ihnen das bei ihrem Kind genau das Gegenteil passieren wird: „Oh man, Mama erkennt es nicht, also ich erklär’s ihr mal, denn ich weiß ja was das ist und was es sein soll.“ So nehmen sie ihr Kind ernst, sie behandeln es wertschätzend und allem voran: ehrlich. Ihr Kind ist Experte für seine/ihre Lebenswelt und für seine/ihre Wahrnehmung.

Ich möchte Sie mit diesem Beitrag nicht verunsichern, im Gegenteil, ich möchte vermitteln. Zeigen was Lob bei Kindern auswirkt und Verständnis für die Welt der Kinder schaffen.

Nun werden Sie sagen, loben ist doch wichtig und wir wollen doch über positive Bestärkung erziehen. Vielleicht liegt dieser Fokus vor allem daran, dass wir Kritik als etwas negatives betrachten.

Ist es das? Empfinden sie selbst Kritik als etwas negatives?

Wenn sie selbst als Erwachsener Kritik oder keine Bestätigung zu erhalten als etwas negatives empfinden sollten sie zunächst ihrem Selbstgefühl auf den Grund gehen. Was kann ihr Kind von ihnen lernen? Was sieht es jeden Tag bei ihren/seinen Eltern?

Es gibt Situationen, in denen es nichts gibt was lobenswert wäre. Aber wenn Sie nochmal in diese Situation geraten können sie anders reagieren und das haben sie gelernt, weil sie eine Erfahrung gemacht haben. Und nicht weil jemand gesagt hat: „Das ist aber toll, dass du dich heute entschieden hast dein Lieblingssommerkleid bei 2°C Außentemperatur anzuziehen.“ Und im selben Moment zu denken: „Mein Kind hat so einen Starrkopf, es ist viel zu kalt für dieses Kleid und ich habe keine Lust mich damit herumzustreiten.“ Wie wäre es denn damit, wenn sie stattdessen einfach sagen, was sie denken? „Ich halte es für keine gute Idee dieses Sommerkleid heute anzuziehen, es ist sehr kalt draußen.“ Doch, dass die meisten Kinder nach diesem Argument vor allem ab einem Alter von etwa 2 Jahren (mit zunehmendem Alter wird’s nicht leichter:)) nicht sagen werden: „Danke, dass du es mir gesagt hast, ich ändere das.“ Also was ist dann die am erfahrungsreichste Option für das Kind? Natürlich: das Kleid bleibt an. Sie haben ihrem Kind erzählt warum sie dieses Kleid für unpassend halten, es liegt in der Verantwortung ihres Kindes dies anzunehmen oder eben nicht. Wie kann man nur, das arme Kind, es wird frieren, denken sie sich grade? Der was werden erst die Nachbarn und die Erzieherin in der Kita denken, dass ich unfähig bin mein Kind richtig anzuziehen. Wie in meinen Therapiesitzungen frage ich Sie nun: was ist das Schlimmste was passieren könnte? Das Schlimmste was passieren könnte ist, das ihr Kind auf dem Weg zur Kita frieren wird. Vielleicht holt es sich sogar eine leichte Erkältung. Könnten sie mit diesen weitreichenden lebensverändernden Konsequenzen leben? Ja? Denn jetzt kommt die viel wichtigere Frage: was könnte Bestenfalls passieren, wenn ihr Kind mit diesem Kleid das Haus verlässt? Ihr Kind hat die Chance zu verstehen, warum dieses Kleid zu kalt ist und was Temperaturunterschiede sind, dass es unterschiedliche Jahreszeiten gibt und das aller aller wichtigste: das ihre Eltern ihr vertraut haben und ihr die Chance gegeben haben die Verantwortung für ihre Kleidung selbst an diesem Tag zu übernehmen. Kann man dem Kind etwas schöneres geben?

Wir machen unsere Kinder zu Abhängigen von Lob.

Jesper Juul 1948 – 2019

Wenn wir unsere Kinder mit Lob überschütten und sie für alles und jeden feiern, werden die Kinder abhängig gemacht. Abhängig von Lob. Ihr Kind wird, nach dem es einige male völlig unverhofft gelobt wurde, immer wieder fragen nach dem es etwas gemacht hat und sich rückversichern: „War das gut so? Ist das schön? Reicht das?“ Das Selbstgefühl des Kindes wird irritiert und verliert an Sicherheit. Ihr Kind weiß möglicherweise ohne Zuspruch von Außen nicht mehr selbst was es gut findet oder nicht. Lob macht süchtig, ein schönes Gefühl, mehr davon.
Spätestens in der Pubertät ist es nicht mehr wichtig was die Eltern sagen und alles was Eltern sagen ist dann sowieso uncool. Die Kinder werden sich das Lob, das die benötigen, von Freunden, Gleichaltrigen usw. holen müssen. Ständig auf der Suche nach Bestätigung von Außen, weil sie selbst nicht genug sind.

Stärken sie ihr Kind, sind sie für ihr Kind da und vor allem sind sie EHRLICH. Authentisch.

Sagen sie, anstatt das Kind zu loben, doch lieber mal was sie fühlen oder was sie sehen. Beginnen sie damit weniger Zuschreibungen zu machen: „Du bist aber stark!“ stattdessen „Danke, dass du mir hilfst, das ist lieb von dir, wenn du diese Kiste tragen kannst, kannst du mir auch bei den anderen Helfen?“ Oder auch „Wenn du es nicht schaffst, können wir die Kiste zusammen tragen.“ oder auch indem sie Verantwortung tragen und die Kiste tragen. Sie merken, man kann nicht viel falsch machen und es ist im Grunde gar nicht so schwer 😉

Jedes Kind und jede Familie ist einzigartig und doch haben viele Eltern und Kinder die gleichen Themen. Es gibt keine Ratschläge, keine Tipps die bei jedem Kind funktionieren. Die Hintergründe und die sozialen Umstände einer Familie sind absolut individuell. Für eine 1:1 Beratung kontaktieren sie mich über den Kontaktbutton oben rechts.

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